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BRIEFE AN SALLY: Eine deutsche Autopsie Robert Hrdina

BRIEFE AN SALLY: Eine deutsche Autopsie

Robert Hrdina

Published
ISBN :
Kindle Edition
103 pages
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 About the Book 

Sally ist einsam und bekommt nie Post. Robert möchte ihr zu Weihnachten eine besondere Freude machen und bringt Freunde und völlig Fremde dazu, unbekannterweise an Sally zu schreiben. Das Ergebnis ist verblüffend, mitunter süffisant, aber auchMoreSally ist einsam und bekommt nie Post. Robert möchte ihr zu Weihnachten eine besondere Freude machen und bringt Freunde und völlig Fremde dazu, unbekannterweise an Sally zu schreiben. Das Ergebnis ist verblüffend, mitunter süffisant, aber auch beängstigend, wenn sich ein Stalker ankündigt, oder ein kleiner Junge im Zug ohne jegliche Gemütsregung einen ungewöhnlichen Wunsch äußert.Quer durch alle Altersgruppen und soziale Schichten bilden die brieflichen Mosaiksteine einen Querschnitt Deutschlands, eingebettet in die nicht immer festliche Vorweihnachtszeit. Freuen Sie sich auf viele liebenswürdige Begegnungen, die auch Ihnen jederzeit passieren können - Sehnsucht und Angst reisen immer mit ...Auszug aus BRIEFE AN SALLY(Brief einer Buchverkäuferin):„[...] und das ist der Mangel an Respekt. Früher hätte sich doch keiner von uns getraut, in eine Buchhandlung mit offenem Eis, mit Hunden oder mit tropfenden Fischsemmeln einzufallen. Heute ist das an der Tagesordnung und gilt mittlerweile als ganz normal. Niemand nimmt mehr daran Anstoß. Ich weiß noch gut, wie ich als kleines Mädchen eine Heidenangst vor der Bibliothekarin hatte und die Bedienung im Stammlokal meines Vaters war grundsätzlich ruppig und schlecht aufgelegt, die hat die Kundschaft gebügelt und in ihre Schranken verwiesen. Trotzdem war der Umsatz wohl immer topp!Heute wird das Personal als Freiwild angesehen, denn eine einzige Beschwerde genügt und der Betreffende ist Geschichte. Was man oft übersieht, ist die Tatsache, dass es unzählige kranke und kaputte Individuen gibt, die sich als unantastbarer Kunde ordentlich austoben – und austoben dürfen – und sich quasi den Psychiater und die Einzelhaft dadurch ersparen. Oft fühle ich mich behandelt wie ein Sträfling, angeraunzt wie ein Vollidiot.Mit der Ignoranz mancher Kunden hat man ja gelernt umzugehen. Das ist oft auch ganz schön witzig. Da wird nach den neuesten Büchern von Nikolaus Stark gefragt oder nach der Rosamunde Pichler (das glaube ich sofort, dass die ordentlich sprittelt, um ihre eigenen Schmonzetten zu ertragen!).Richtig übel wird’s bei den ungepflegten, schwitzenden Mundgeruchkandidaten oder den besoffenen, vollgepinkelten, die sich zielstrebig in der Philosophieabteilung zu Hause fühlen. Einer von der Sorte ist im Sommer gestorben. Nierenversagen. Zum Glück nicht im Laden, aber er hat drei Tage zuvor noch bei uns eingekauft. Das ganze Geschäft hat eine Stunde lang nach Urin gerochen. Sagen darf man ja nichts. Der Kunde ist König. Zumindest in den Augen der Kundschaft. Auf gleicher Augenhöhe fände ich besser. Wie gesagt, früher war der Kunde oft ganz unten. Und in großen Kaufhäusern bin ich das auch immer noch. Da ist Servicewüste pur angesagt […]Vor ein paar Wochen ist ein rotzbesoffener kleiner Typ, um die 60, von der Seite auf mich zugeschlichen – Du musst wissen, dass alle, die einen an der Klatsche haben, grundsätzlich von der Seite her anwanzen – und hat tatsächlich gelallt: „Haben Sie das Buch Mein Kampf?“ Seine Partnerin darauf: „Was isn des, des kenn i ja gar net“. Er wieder: „Des hat der Adolf Hitler geschrieben!“ Sie (mit Resthirn): „Warum willst Du die Scheiße denn lesen? Der hat genug Unheil über die Menschen gebracht, oder?“ Er: „Ja mei, ein Buch halt, zum Lesen!“ Ich habe versucht, ihm zu erklären, dass das Buch verboten ist und auch auf einem Flohmarkt nicht angeboten werden darf. Beide sind dann etwas bedröselt von dannen gezogen. Unglaublich, gell?! [...